Jagdreiten in Irland Familie Pape betreibt in Sindlingen, etwas südlich von Stuttgart, seit einem halben Jahrhundert einen Reit-/Turnier-/Ausbildungsstall in einer alten verwunschenen Schlossanlage des vormaligen Königshauses Württemberg. Fritz Pape ist, wie in Bayern Bruno Sixt, ein Urgestein im Spring- und Vielseitigkeitssport, ist Landestrainer usw. Als besonderes Zuckerl für die schwere tägliche Arbeit gönnt er sich Endes jedes Jahres eine Auszeit in Irland für eine Jagdwoche und hat so seit Jahrzehnten gute Kontakte zu alt eingesessenen Reiter- und Züchterfamilien in Irland. Er kauft dort Pferde für sich und seine Kunden und hat ein schönes persönliches privates wie berufliches Netzwerk dort in der Grafschaft Limerick, nahe an der Westküste von Irland, bei Shannon, aufgebaut. Er wird von seinen irischen Freunden eingeladen auf ganz private Jagden und darf Gäste mitbringen. Jagdreiten in Irland - hier ist es noch erlaubt den Fuchs tatsächlich zu jagen und ihn zur Strecke zu bringen. Es ist eine uralte Tradition, weil der Fuchs in früheren Zeiten im kargen Irland eine Plage war für Nutztiere in der Landwirtschaft und für die Jäger; besonders Jungtiere von Haus, Hof und Wald fielen sehr oft den Füchsen zum Opfer. Heute ist die Jagd auf den Fuchs natürlich kritisch zu sehen, wie dieses Thema auch momentan aufgearbeitet wird. Selten wird aber ein Fuchs gestellt, der Fuchs ist schlau genug: Die jungen Füchse verschwinden sofort in den Bau, wenn die Hunde kommen und die erwachsenen Füchse können die nicht so schnellen Foxhounds rasch abschütteln - oder rennen einmal durch den nächsten Bauernhof oder den nächsten Bach und die Fährte ist verloren. So werden, wenn überhaupt, nur die alten schwachen oder kranken Füchse von den Hunden zur Strecke gebracht. In dieser einen Jagdwoche, die hier auszugsweise geschildert wird, konnte kein einziger Fuchs erlegt werden. In Deutschland ist die Jagd auf den Fuchs seit bald hundert Jahren verboten, in England seit 5 Jahren. Die großen Meuten (über 30) in Irland jagen bis zu 4 Tage die Woche, von Oktober bis Februar. Tausende Reiter, jung und alt, mit Ponys und Großpferden, sind da zu Pferde. Man schätzt, dass in Irland einige hundert Arbeitsplätze im Jahr durch das Jagdreiten gesichert sind. Das Besondere am Jagdreiten in Irland ist, dass es, im Gegensatz zu Jagden bei uns in der BRD, über viele Stunden pro Tag abläuft, ohne klare Streckenführung. Der Fuchs, der aufgespürt wird („where is it, where is it?“ - wo ist er, wo ist er - so wird von den Pikeuren gerufen), bestimmt durch seine Flucht, sein Ausweichen und sein Verstecken den Strecken-Verlauf der Jagd. So wird es natürlich eine extrem sportliche Jagd, da diese so spontan abläuft und geritten wird, wie es der gerade aufgespürte flüchtende schnelle Fuchs vorgibt. Von vielen Steinmauern eingesäumtes Wiesengelände, flach oder hügelig, zwei, drei und viele mehr Mauersprünge hintereinander, dazwischen ein paar Gräben (Banks) oder Doppelgräben zu springen, durch einen Wasserlauf oder Baumgestrüpp durch, alles ist möglich, um den Kontakt zum Fuchs nicht zu verlieren. Zwischendurch sind natürlich Pausen, die gebraucht werden, sich auszuruhen oder zuzuschauen, wie der Houndsmaster mit der Meute eine neue Fährte sucht. Eine Jagd dauert daher ca. fünf bis sechs Stunden; man reitet morgens gegen elf Uhr los und spät mittags, zwischen vier und fünf Uhr, je nach Strecke, Gelände, Wetter und Jagdverlauf, ist die Jagd zu Ende. Bevor Fritz Pape einen „Kandidaten“ nach Irland auf die Jagd mitnimmt, beherbergt und besichtigt er seine Aspiranten und künftige Kombattanten 3 Tage in seinem speziellen Irland-Jagdtraining zu Hause in Sindlingen, auf dem Springplatz oder in der Flur, trainiert mit ihnen sowohl den regulär geführten Ausritt, wie auch, in Vorbereitung auf den Ablauf in Irland, er schnelle Runs vorlegt, schnelle Kurven zieht oder Kehrtkurven reitet, mal eben zwei, drei Grabensprünge „so nebenher“ einlegt, es wird geklettert usw. Pape beschreibt es so: „Abgeleitet von der speziellen Art, sich im irischen Jagdgelände zu bewegen, passt man sich dem Pferd an und behält den Überblick, spielerisch einen munteren Geländeritt zu absolvieren, zusammen mit dem Pferd aufmerksam und sportlich durchzureiten“. Anfängern wie auch Routiniers ist dieses vorbereitende Training zu empfehlen, es ist eine gute Einstimmung für Kopf und Körper nicht nur auf irgendeinen Reiturlaub, sondern für eine stramme Jagdwoche in Irland; man gewinnt Vertrauen zu diesem sehr sportlichen wie unkonventionellen Reiten, gewinnt Kondition und eine große Vorfreude auf ein Traumreiten in Irland kommt auf. Nach Ende dieses Jagdtrainings: Frühmorgens steht man dann um 05.00 Uhr auf und fährt mit der S-Bahn zum Flieger nach Stuttgart-Echterdingen mit seinem Gepäck und allen guten Wünschen der Stallgemeinschaft. Es ist ein Direktflug nach Shannon - oder eine Zwischenlandung in London. Unterwegs stoßen weitere Teilnehmer zu uns, ein bunter Mix zwischen Frauen und Männer allen Alters, aller Berufe, die eine Leidenschaft, das Jagdreiten, verbindet, und die grenzenlose Neugier auf viele jagdreiterlichen Herausforderungen in Feld und Flur in einem Land, wo man fast überall noch ungestört reiten kann und reiten darf. So freundet man sich im Flieger oder beim Aufenthalt/Umsteigen in London-Heathrow an, erzählt was über sein reiterliches Leben oder wer schon mal alles mit auf der grünen Insel war. Ist man in Shannon (hatte bis vor 40 Jahren goldene Zeiten als Flughafen-Drehscheibe im Transatlantik-Luftverkehr) gelandet, organisiert Fritz Pape einen großen Mietwagen, in dem alle samt Gepäck unterkommen - alles fährt zuerst in die Nähe zur „Dirty Nelly“, ein uriges kleines Pub in einer kleinen alten Burganlage. Dort trinkt der Trupp sein erstes Bier oder Guiness (Pint oder Halfpint, Gläser randvoll (!) gezapft), ißt erste Sandwiches nach irischer Art, spült das schon etwas mulmige Gefühl („bald geht’s los“) hinunter und fühlt sich in der Gemeinschaft mit ähnlich Gleichgesinnten doch sicher und wohl. Danach geht es in das Hotel „Dunraven Arms“ in Adare, Grafschaft Limerick, ein familiär geführtes Hotel mit großen bequemen Zimmer, für Jagdreiter speziell ausgestattet mit eigenem kleinen Hauswirtschaftsraum im Hotelzimmer dazu separat, in dem man seine Jagd-Ausrüstung reinigen und pflegen kann, die Stiefel putzt usw. In diesem Raum sind extra Waschbecken, Bügeleinrichtungen etc. vorhanden, um sich im Sinne der nächsten kommenden Jagdtage immer wieder „jagdfein“ zu machen. Ein besonderer Service des Hotels (die Eigentümer sprechen perfekt deutsch) ist aber, dass man abends nach dem Jagdreiten seine oft stark verschmutzte, verschlammte Jagdkleidung (ab und zu fällt auch einer voll in den Graben samt Pferd) abgeben kann - und Hose und Hemd wie auch Jagdrock sind am nächsten Morgen frisch gereinigt und gebügelt dort wieder abzuholen, gegen kleines Geld. Ebenso kann, wer will, seine Stiefel säubern und polieren lassen. In dieses kleine familiäre Landhotel checken wir ein (auch ein kleines Schwimmbad ist dort), nehmen unsere Zimmerschlüssel in Empfang und treffen uns später zu einem Abendessen, weitere Abendessen folgen ja, genießen ein Irish-Steak oder köstliches irisches Lamm, das uns von ausgesprochen freundlichen, höflichen Kellnern serviert wird; das herbe irische Bier wie auch Weine aus aller Welt runden das Menü ab. Es muss keiner am Abendessen teilnehmen, es gibt auch Restaurants in der Nachbarschaft. Danach geht, wer möchte, noch an die Bar und trinkt einen Irish-Paddy-Whisky oder auch mehr, entspannt sich in der kunterbunten Gesellschaft des kleinen Städtchens Adare, die sich dort einfindet und manche Unterhaltung mit den Leuten aus Adare findet dort ihren Anfang - über viele Tage. Adare wird auch oft als eines der schönsten irischen Dörfer bezeichnet. Drei alte Klosteranlagen bzw. Teile davon wie auch ein neugotisches Manor House (Hotel, Restaurant und ein erhabener kirchenschiffähnlicher Bar-Raum) gleich neben dem Hotel mit einem gigantisch großen Park samt Golfanlage und viele kleine bezaubernde Cottons in der Stadt warten auf die Besucher, auch der kleine schnurrige wie gut bestückte Reiterladen fünf Minuten vom Hotel weg lohnt ein Besuch. Am nächsten Morgen trifft man sich gegen halb neun zum Frühstück, genießt das englische Frühstück in seinen vielerlei Variationen, bis hin zu Kartoffeln und Bohnen über zahlreiche Ei-Gerichte, Würstl usw. Ein kräftiger englischer Schwarz-Tee öffnet den Magen für das kräftige Frühstück, das aber dringend notwendig ist, um sich auf den weiteren langen Tag einzustimmen, allein schon, wenn man daran denkt, dass der Jagdtrunk zu Beginn der Jagd ein Hot-Whisky, ist, ähnlich Grog, zwei Drittel heißes Wasser, ein Drittel Whisky (oder mehr) mit ein paar Nelken und Zitronenscheiben darin. Nach dem Frühstück ziehen wir uns komplett an (wir gehen schon vorher in Reithosen und leichten Schuhen zum Frühstück, so dass nur noch Jagdrock und Stiefel angezogen werden müssen).Alles trifft dann sich im Foyer, da prasselt das Kaminfeuer und eine modisch wie proper gekleidete Jagdreitergruppe steht bereit. Viele im schwarzen Reitrock (rot tragen nur ! die Huntsmen), die Mädels sehr verspielt. In der Jagdgesellschaft später treffen wir auch „zivil“ gekleidete einheimische Reiter, als hätten die gerade mal den Bulldog verlassen, um mal kurz für eine Stunde mit zu reiten. Pape fährt uns in seinem Großraum-Van aus der kleinen Stadt Adare hinaus, grüne Wiesen, Felder, viele den Weg und Wiesen säumende Mäuerchen, alte Häuser und Farmen, teilweise verlassene Höfe zeichnen sich in dem nebeligen Morgendunst ab. Wenig besiedelt ist das Land, nur einzeln sieht man Leute in den kleinen Dörfern oder Gehöften, die wir durchfahren. Alles blickt auf den Wiesenboden, sehr tief, und hat schon Mitleid mit den Pferden, die hier querbeet durch diese Wiesen manchmal knöchel- oder sogar knietief einsinken werden. Die Gegend ist meist hügelig, wir sehen Bäche, breite wie schmale Gräben oder Drainagen-Bächlein (über die man bald springen wird). Nur an ganz wenigen Gehöften, Feldern oder Wiesen steht ein Schild „No Hunting“. Irgendwo nach einer wilden Hin- und Herkurverei - man hat den Eindruck, der fährt nicht im Kreis, aber viele kleine Rechtecke auf und ab - trifft man sich, völlig unspektakulär, an einer Straßenkreuzung oder in einem kleinen Minidorf mit oder ohne Pub, steigt aus, sieht die ersten Pferdehänger oder Transporter (teilweise abenteuerlich aussehend) anfahren, sieht Leute, die ihre Pferde ausladen im ländlich rustikalen Jagdgewand und mit einer gelassen Routine die Pferde fertig machen. Wir Gäste aus Deutschland stehen zuerst einmal ein bisschen herum – oder wärmen uns in einem verkitschtem Pub mit einem Drink - , bis ein großer Hänger angefahren wird, Pferde werden herausgeführt und mit einem kurzen schwer verständlichen Kauderwelsch Fritz Pape präsentiert, der sie dann entsprechend dem reiterlichen Können dem Reiter zuteilt. Der Verleiher gibt einem schnell noch ein paar Tipps, wie z.B. „let him go“ (also „stör ihn nicht zu sehr im Maul, er geht von selber“) oder andere Hinweise, warum das Pferd z.B. ein scharfes Gebiss drin hat oder man immer wieder nachgurten sollte, bekommt man sein „Empfehl-dich-Gott“ mit diesem Pferd, alles sitzt auf, meistens nicht der neueste Sattel oder das neueste Zaumzeug, aber ausreichend - und mancher schnallt sich schnell noch einen Steigbügelriemen um den Pferdehals , da meistens kein Aufstieghalteriemen mehr da ist an den betagten Sätteln. Nun reiten wir auf und ab, plötzlich hört man Hundegebell. Die Meute ist meistens schon irgendwo unterwegs, bereitet die Jagd vor und späht den Fuchs. Nun trabt alles los auf dem Asphalt, Straßen auf und ab, jeder den anderen Reitern hinterher. Man sieht gerade noch den Fritz und ein paar andere Mitreiter, beeilt sich, weil es plötzlich links oder rechts um die Ecke geht; der Säumige kann sehr schnell den Anschluss verlieren und weiß gar nicht, wo gerade der nächste vorläufige Sammelpunkt ist. Irgendwann einmal sehen wir doch eine größere Ansammlung von Reitern, die an einem Gatter stehen. Der Master hebt den Gatter-Riegel mit dem Reitstock an, öffnet, das Feld geht in die mauern- oder hecken- oder gräbenumsäumte Wiese, verteilt sich und wartet auf den Fuchs. Plötzlich geht es dann einen Hügel hoch durch einen Gestrüpp-Zaun, manchmal auch durch schnell niedergelegte Drahtzäune, hüpft über einen kleinen Graben und nun geht die Jagd los, Hügel rauf, Hügel runter, über Mauern (fest oder lose geschichtet) und tiefe wie versumpfte Gräben - flugs hat man schon einige Kilometer im Galopp zurückgelegt. Erste Stürze passieren, glimpflich, da der Boden sehr weich ist. Man hebt schnell den verdreckten Reiter mit auf; übler aussehen tun die Reiter, die mitten in einen Graben hineingefallen sind, manchmal regelrecht im Schlamm fast versinken und mühsam herauswaten, trotzdem mit einem Lachen auf dem Gesicht. Es ist nicht allzu kalt, aber der, der nass geworden ist, will sofort unmittelbar wieder auf sein Pferd, weil er weiß, nur das Reiten kann ihn wieder schnell aufwärmen und die Dreckschlacken werden abfallen. Es kreisen auch diese typischen kleinen irischen Flaschen, die am Vorderzeug hängen in Form eines kleinen umlederten Glaskolben - Gin, Whisky oder Mischungen nach „Art des Hauses“; sie wärmen sofort, die meisten nehmen nur sehr kleine winzige Schlücke, um nicht wegen zu viel Alkohol den Genuss an der Jagd zu verlieren Es regnet öfters, so wird man auch von oben nass. Die schweren dicken irischen Reitjacken (nicht besonders kleidsam, gibt’s im Reiterladen) sind zu empfehlen, es sind Filzjacken, nässeabweisend und sehr wärmend. Plötzlich, ein Fuchs stiebt wohl davon, es geht eine wilde Jagerei los, etwa zehn Minuten trabt/galoppiert man aber zuerst der Strasse entlang über den nassen Asphalt, Berg hinunter, Berg hinauf, rasch um die Kurven, so dass man sich enorm anstrengen muss, den Kontakt zu halten und sich nicht mit dem Pferd irgendwo mitten auf der Strasse auf die Nase zu legen, weil man falsch belastet hat, besonders in der Kurve. Ab geht es in einen nächsten Wiesengrund dann und im weiten Fächer oder in kleinen Trupps wird davon galoppiert. Nun stehen wir vor einem sehr großen Hügel in einer schmalen Strasse, links und rechts von einem Bach begrenzt und sehen, wie oben Master und Hunde nach dem Fuchs suchen. Es vergehen viele Minuten, es tut sich nichts. Grummelnd kommt die Jagd-Führung wieder herunter, an uns vorbei, um sofort wieder auf Asphalt in eine andere Richtung zu traben. Mittlerweile regnet es kräftig. Abgebogen wird in einen anderen Wiesenweg. Wir kommen in eine tiefe wassergefüllte Senke mit einer furtähnlichen Engstelle. Einer der Master schreit: „Keep in the middle, keep in the middle, keep in the middle!“ Fast alle hören es, aber einige bleiben doch links oder rechts davon und saufen sofort ab: Wir haben eine schmale Brücke überquert, die nicht im Hochwasser zu sehen war, und neben dran waren nur Matsch, Schlamm und Wasser. Große Erheiterung - und lange Gesichter bei den nassen Pudeln. Jetzt geht es in eine kleine eng bewachsene Jung-Baumplantage, sehr enge Abstände zwischen den einzelnen wie dicht gesetzten Baumreihen, man muss sich buchstäblich durchfädeln; weiß der Teufel, warum wir da durch müssen. Plötzlich stehen wir vor einem dreimeter steilen Hang und müssen diesen ziemlich senkrecht hoch. Die Pferde kriechen, kratzen, robben sich fast hoch, man hat den Pferde-Hals umklammert, nur den Blick nach vorne oben, ja nicht nach unten kucken. Danach geht es oben im Galopp durch eine knöcheltiefe Wiese. Die Pferde scheinen mit den Vorderhufen direkt zu versinken. Im Galopp oder Trab über die Wiese, das Feld zieht sich wieder auseinander, nicht jedes Pferd kommt so gut mit dem tiefen Boden zurecht, alle Pferde werden langsamer. Danach stehen wir im Pulk vor einem halboffenen Gittertor, das sich aber nicht ganz öffnen lässt. Die Pfosten sinken schrägtief nach unten weg und paar eilige Pferde trampeln einfach über das liegende Gitter drüber. Es funkt und es klirrt, aber nichts passiert. Pferd und Reiter bleiben heil. Nun geht es in eine weite Flusslandschaft und wir galoppieren am Rande des Flusses auf einer dammähnlichen Krone entlang, kilometerweise ohne Pause. Alle paar hundert Meter geht ein Zaun quer zum Damm in das Feldinnere, wahrscheinlich um die Gebiete abzugrenzen bzw. die Weiden aufzuteilen. Der Zaun ist sehr eng an das Dammgefälle gezogen und in die abfallende Dammkrone eingebaut, so dass wir immer wieder parieren, den steilen Damm im Schritt etwas hinunter gehen und hinauf gehen müssen. Das alles aus dem Galopp heraus, im Reiterverband oder als Einzelreiter. Ab und an geht wickelt sich bei diesen schon abgenützten wie losen Drahtverhauen ein Stück Draht um die Pferde herum, die Hinterhand zappelt - Zack - ist der Draht wieder weg, ein Alptraum für jeden Reiter, aber es geht irgendwie. Weiter vorne haben zwei Einheimische den Weg abgekürzt und reiten durch den - wie tiefen? - Fluss. Wahrscheinlich um die Jagd abzubrechen, da die Arbeit zu Hause auf sie wartet. Nur diese beiden haben das Pech, dass der Regen die letzten Tage den Fluss so tief geflutet hat - sie saufen im wagemutigen Durch-Furten komplett ab, bleiben flach auf oder neben dem Pferd, schwimmen mit, beziehungsweise halten sich hinten am Schweif des Pferdes , bis die Pferde langsam drüben auf der anderen Seite des Dammes hoch krabbeln und die Reiter wieder, schlammschwer, auf ihre Pferde steigen. Wir verlieren den Blick auf die Pudelnassen beim Weiterjagen. Jetzt biegt der Fluss ab und wir queren wieder durch Wiesengelände, müssen uns am Ende dort durch zwei sehr enge baumdicke Koppelpfosten durchquälen, was eigentlich gar nicht geht auf dem Pferd. So steigen einige ab, lassen das Pferd sich durchmogeln durch die seltsam enge stimmgabelbreite Öffnung der beiden Koppelpfosten, schon für einen Fußgänger schwer passierbar. Manche Reiter bleiben aber oben, lassen ihr Pferd sich selber durchwinden, ziehen die Beine hoch über den Pferdehals und die Balance gelingt, zumindest soweit wir es bei den Vorreitern sehen können. Nun kommen einige Gräben oder tückische Doppelgräben, beziehungsweise Abwassergräben, die eng an und auf den Kronen mit Baumgestrüpp bewachsen sind. Einige Löcher in diesen Baum-Hecken-Dickichten verraten, dass hier Wild, Rinder oder auch wir Reiter durchschlüpfen können bzw. müssen. Alles sammelt sich um den Durchlass, manche Pferde sind sehr nervös und zappeln. Mit einem Riesen Satz geht es an der Grabenböschung hoch jetzt auf die Krone, dann darauf links balancierend weiter hinter den anderen Reitern her durch das Gestrüpp nach, am Reiterhelm scheppert es, so man durch die Äste sich quält - und dann steht man plötzlich vor einem zwei Meter tiefen fast senkrechten Abwärtssprung an der anderen Böschung-Seite auf die angrenzende nächste Wiese herunter. Mit einem weiteren Riesensatz, der Reiter in extremer Rückenlage weit hinter den Sattel fast auf die Kruppe gelehnt, setzen die Pferde auf dem tiefen Wiesengrund auf, das Pferd richtet sich wieder vorne auf, schüttelt sich - und ab im Galopp der Jagd hinterher. Plötzlich sind wir in einem alten verlassenen, fast botanischen Park eines ehemaligen rittergutähnlichen Anwesens, hier sind riesige, voll in Kraft stehende uralte Bäume, wie im Bilderbuch mit breiter Krone, unten die Äste breit schon über dem Boden ausschlagend. Wunderbare verwunschene Park-Anlagen und alte Farmhäuser sind zu passieren. Eine vornehme Stille umgibt uns. Nur ganz fern hört man die Hunde und ein Teil der Reiter trennt sich aber nun von uns im gestreckten Galopp. Mit irgendeiner Geheimsprache wird uns mitgeteilt zu bleiben und so warten wir, lassen die Flasche etwas herumgehen. Plötzlich kommen von der Rückseite die Hunde wieder und die Jagd formiert sich neu. Schwupp sind die Hunde aber wieder weg – und wie zum Hohn sieht man plötzlich paar kleine junge Füchse aus einem wind-abgewandten Buschwald raushüpfen, sehen uns und verschwinden sofort wieder im Bau. Ganz kurz sieht man dann einen großen halbmeterhohen Fuchs (Vater Fuchs wohl) im wie gemalten prächtigen rotbunten Rock aus der Deckung laufen, sieht uns und angewidert dreht er langsam ab, verschwindet - was für ein schönes Tier war das. Der Niesel-Regen, es ist aber meist wenig kalt, 10 – 15 Grad meist (Golfstrom), lässt langsam nach. Wir trotten einen langen Wiesenweg, entlang eines Abfanggrabens, in eine andere Richtung. Stau vor einer nächsten Furt, total verschlammt und sehr eng. Es regen sich einige Pferde wieder fürchterlich auf, weil sie warten müssen und drängen wie drücken sich gegenseitig durch die tiefe Furt. Als kleine Überraschung am Ende geht es schlagartig rechts ab und wieder flugs einen steilen Abhang hinunter, den die Pferde ganz eilig runterspringen, da es danach sofort wieder im schnellen Galopp zackig weitergeht. Dieser Abhang ist von Bäumen und Hecken eingezäunt. Es fetzen uns die Zweige um den Kopf und manch harter Rumpler am Helm erinnert uns wieder daran, wie wichtig es ist, eine feste Kopfbedeckung zu haben. Die folgende Wiese geht nun hügelig wieder nach oben auf ein Gatter zu, man sieht dahinter eine kleine Asphaltstraße - und im schnellen strammen Galopp sehen wir, dass die Reiter vor uns, einer nach dem anderen, hinübersetzen, uff! Die Funken stieben im Asphalt unter den Hufeisen und mit einem Satz sind auch wir darüber. Wie gut, dass die Pferde vier Beine haben. Rutscht ein Huf, dann halten die anderen drei Hufe. Hauptsache ist, in der Mitte der Bewegung bleiben oder leicht hinter der Bewegung - die Pferde meistern auch solche vertrackten Sprünge hervorragend. Nach paar hundert Meter Asphaltstrecke geht es wieder in ein Wiesengelände, locker nun im Trab, die Hunde sind müde. Die Jagd versammelt sich wieder, Pferde kleben aneinander wie Fische im Schwarm. Ein Teil der Reiter geht auf eine große Wiese hinüber, auf der der Regen ein tiefes Wasserloch hinterlassen hat und reiten bis zu den Stiefelspitzen durch das Wasserloch, um die verschlammten Pferdebeine zu waschen. Die Pferde stampfen fröhlich munter auf das Wasser drauf, wiehern fröhlich, als wäre nichts passiert, freuen sich ihres Lebens, als würden sie wissen, Jagd vorbei, es war ein wildes Spiel und die fällige Stallruhe mit Riesenhunger naht. Nun trotten wir im leichten Trab zu irgendeiner Straßenkreuzung. Hier stehen schon die ersten Pferdetransporter. Wir schwingen uns vom Pferd mit etwas steifen Gliedern und was für ein kleines Wunder, ein Pub ist in der Nähe. Wir rücken ein, trinken ein oder zwei Guiness und einen Hot-Whiskey, essen Sandwiches, kleine heisse Würstel im Korb kreisen und wir fühlen uns wie erlöst nach einem langen Reittag. Wie angenehm kann es sein, sich nicht um die Pferde sorgen zu müssen, die in Windeseile in große wie kleine Pferdetransporter eng gepackt werden, sogar sehr eng aufeinander. Eine schmale Bretterwand, so hauchdünn, dass man meint, Eichhörnchen könnten sich in zwei Minuten durchbeißen, drückt die Pferde voll zusammen, die Klappe hoch und ab geht es in den Heimatstall. Einmal werden wir auch zu einem alten „pensionierten“ Huntsman auf Tee, Kuchen und Sandwiches gebeten in seinem kleinen Häuschen irgendwo in Alleinlage. Zwischen Nippes und alten Möbeln sitzen wir dort, ziehen vorher unsere Stiefel artig am Eingang aus und es entspannen sich die Unterhaltungen der alt gedienten Irlandfahrer und Huntsmen über die Pferde, Gott und den Rest der Welt, über Irland und die üble Wirtschaftskrise, sowie die sinkenden Pferdepreise, wo es die besten Steaks gibt und wer zur Zeit im Land den besten Whiskey destilliert. Die Dame des Hauses versorgt uns, rührend, artige Unterhaltung, wie man es im Englischunterricht als Pennäler gelernt und geübt hat. Fritz Pape holt seinen Van, dann geht es ab zurück ins Hotel, todmüde und verdreckt. Wir liefern unser Reitoberzeug an der Rezeption ab, duschen, beziehungsweise gehen in das kleine Schwimmbad und fallen danach erstmal todmüde ins Bett, um kurz vor acht abends vom Wecker (wohl würde mancher gleich durchschlafen, von Hot Whiskey beseelt und satt von den Snacks) herausgeschreckt zu werden. Es ist Dinner-Time, man zieht sich das Jacket an, wer will, auch mit Krawatte, geht etwas „muskelsteif“ hinunter in den Salon und genießt ein köstliches Beef, das wie ein großer Fleischklumpen an einem kleinen Holzgalgen hängt oder auf einem großen Teller liegt: „Beef, all you can eat“ ist ein Hochgenuss, der würdige Ober schneidet ständig nach. Die Jagdreiter aus ganz Deutschland freunden sich an. Jeder kennt wieder einen jeden, der den anderen kennt, Anekdoten wie Reitergeschichten werden erzählt. Die Ersten gehen sehr bald ins Bett. Der nächste Jagdtag kündigt sich an. Einige purzeln aber lieber noch in die Bar, mischen sich unter das Völkchen von Adare und genehmigen sich das nächste Guiness oder ein Glas Paddy- Whiskey, um sich dann in Morpheus` Arme zu werfen, selig zu schlummern und sich auf einen neuen Jagdtag zu freuen. Man muss nicht jeden Tag zum Jagdreiten gehen, jeder kann „frei“ machen wann er will, einen Mietwagen ausleihen, eine Besichtigungstour durch Adare machen oder Freunde besuchen. Die meisten reiten aber die ganze Woche „durch“ und geniessen die herrliche erhabene archaische Landschaft Irlands, wie sie sich seit Jahrhunderten so präsentiert in ihren Kleidern der herbstlichen wie winterlichen Jahreszeiten. Manch einer macht auch deswegen einen „Blauen“ , um sich Pferde anzusehen und vielleicht das nächste Traumpferd zu erwerben; die Jagdreiter sind schon von einem seltsamen Virus befallen – schon die Neugierde treibt einen um. Oft sind es gar nicht immer sehr schöne Pferde, die gesucht werden, aber sie sind genial am Sprung, tretsicher und schier unverwüstlich. Es gibt aber auch sehr schöne Pferde-Athleten, die schwungvoll gehen und natürlich auch teurer gehandelt werden. Wehmütig packen wir am letzten Abend den Koffer, reisen einzeln (manche kommen nur für eine halbe Woche mit) oder mit mehreren zusammen nach Hause. Mit Air-Lingus über London, Richtung Stuttgart und in den trüben Dezemberalltag nach Deutschland zurück. Die Stimmung jedoch bleibt gut, man ist eine Woche ausgelassen geritten und hat viel Natur und Pferde genossen. Man freut sich einfach plötzlich auf Ski oder Snowboard, Weihnachten, Silvester und Neujahr. Der Urlaub ist nicht ganz billig, Flug, Hotel, Cupgeld etc. Besonders die Verleihpferde sind sehr teuer, aber für fünf Stunden am Tag zu reiten, bei dem Risiko für die Pferde, wie aber auch bei der garantierten Fitness und totalen Sprungsicherheit, das kann einem Spaß und Gesundheit wert sein; man muss es ja nicht jedes Jahr machen. Es ist auch reizvoll für Jagdreiter, die nach Ende der unsrigen Jagdsaison es noch mal wissen wollen, und sich ein Jagdabenteuer in Irland als Weihnachtsgeschenk gönnen. Manche Irlandreiter trifft man woanders wieder. Entweder bei den zahlreichen Kursen, die Fritz Pape anbietet in seinem verwunschenen Schloss und der großzügigen Reitanlage, oder, wie neulich, als sich bei der Jagd auf der Insel Herrenchiemsee 2010 per Zufall drei Irlandreiter trafen – und sich über die zwar sehr schnelle Jagd, aber doch - für Irland-Verhältnisse - braven Sprünge freuten. Trotzdem, gerade wenn einen der Leichtsinn foppt, kann es schnell überall „koppheister“ gehen. Auch eine „deutsche“ Jagd wie Chiemsee-Jagd hat es in sich; das Reiten im Pulk, plötzliches Verweigern oder Sturz des Nachbar-Reiters usw. bei jeder Jagd, blitzschnelles Reagieren erfordert, Reiter und Pferd sich immer in Kontrolle haben müssen, ein Paar sind und bleiben. Zu empfehlen für diese Harmonie von Reiter und Pferd sind auch Toni Wiedemanns Jagdtrainierwochen bei Pöttmes im August jedes Jahr, auch hier wird fleißig morgens und nachmittags (mit den Hunden) geritten, zusammen vier Stunden pro Tag, in einem abwechslungsreichen Gelände, auf Kondition und Sportlichkeit zugleich bedacht, eine ideale Vorbereitung für die Herbstjagden bei uns – und auch viel Zeit hat der Jagdreiter, sich einen ganzen Tag um sein Pferd zu kümmern. Das schweißt zusammen, das Pferd wächst in seinem Zutrauen zum Reiter in eine gute athletische Form. Ein alter Galopper-Trainer der Rennbahn München-Riem, Charly Seiffert, pflegte zu sagen: „Sieger werden im Stall und im Training gemacht“. Daran hat sich nichts geändert. hal
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